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Analog vs. Digital

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Wenn Handschrift Digitales überholt

Stift und Papier haben weitestgehend ausgedient. In Briefkästen findet man keine handgeschriebenen Briefe mehr, Nachrichten werden auf digitalem Weg per E-Mail oder Messenger-Diensten versandt. Tastatur und Sprachaufzeichnungen sind die Hilfsmittel für das Verfassen von Texten. Schreibgeräte wie Füller & Co. sieht man hingegen immer seltener. Doch welche Auswirkungen hat es auf Körper und Geist, wenn wir die Motorik unserer Hand nicht mehr nutzen und keine Texte mehr analog auf Papier verfassen?

Auf die Handschrift verzichten?

Der Handydaumen ist bereits ein neues Krankheitsbild des digitalen Zeitalters. Die Handmuskulatur für eine korrekte Stifthaltung wird immer schwächer. Was passiert, wenn wir früher oder später auf die Handschrift verzichten? Beeinträchtigt es die Leistungs- und Lernfähigkeit der Gesellschaft? Und kann die Handschrift komplett durch digitale Methoden ersetzt werden oder überdauert sie jede Technologie? Auffällig ist in jedem Fall die Schreibentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Nach zwei Jahren Pandemie und Homeschooling sind viele kaum noch in der Lage, längere Texte handschriftlich zu verfassen.

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The Real Story

Der blonde Jonas (8 Jahre) umklammert seinen neuen blauen Füller mit der Faust. Vor ihm liegt sein liniertes Schreibheft. Er hat es in der Mitte aufgeschlagen, doch mehr als ein paar Strichmännchen hat er noch nicht zu Papier gebracht. Hilfslinien im Heft sollen ihm ermöglichen, gerade zu schreiben. Doch Jonas weiß aktuell nicht einmal, ob er von rechts nach links schreiben soll oder wie er die Buchstaben miteinander verbindet. Und er weiß nicht, wie man einen Füller hält, ohne dass die ganze Hand verkrampft.

Die letzten zwei Jahre saß Jonas allein in seinem Kinderzimmer. Zwischen Legosteinen und Spielzeugautos tippte er auf seinem Hochbett die von ihm geforderten Aufgaben in das iPad seiner Mutter. Sie hatte ihm sogar eine Tastatur besorgt, damit er nicht über den iPad Screen seine Aufgaben eingeben muss. Einen Stift brauchte er dafür nicht.

Zuletzt malte er mit fünf Jahren ein Bild auf Papier. In seinem Kinderzimmer findet man kein Malbuch oder Buntstifte, dafür aber eine Playstation und einen übergroßen Fernseher. In Pandemiezeiten kontrollierte niemand seine schulischen Fortschritte. Ob er die Buchstaben schreiben konnte oder nicht, war nicht wichtig. Seine alleinerziehende Mutter arbeitete im Homeoffice, war oft überfordert und dankbar, wenn er sich selbst mit Filmen und Gaming beschäftigte.

Zurück in der Schule – aktuelle Forschungsergebnisse

Nun ist alles anders. Jonas sitzt in der Schule, ist unkonzentriert und weiß nicht, wie man mit Füller auf Papier schreibt. So geht es vielen, die aufgrund der Pandemie Unterricht zu Hause hatten, sagt Dr. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin vom Schreibmotorik Institut e. V. Das Institut ist seit Jahren in Europa führend in der Forschung zum Thema Handschrift und Schreibmotorik.

Die aktuelle Studie über die Entwicklung, Probleme und Interventionen zum Thema Handschreiben, kurz STEP 2022 genannt, ist besorgniserregend. Über 850 Lehrkräfte aus dem Primär- und Sekundarbereich nahmen teil und konnten abfallende Leistungen bei allen Schülern feststellen. Ob Schreibmotorik, Schreib-Struktur oder Schreibtempo – durch das Homeschooling zeigen Schüler größere Probleme, wenn es um Schreiben per Hand geht.

„Besonders Jungen haben große Probleme, mit der Hand zu schreiben“, so Diaz Meyer. Und genau diese motorischen Fähigkeiten sind wichtig für die Lernfähigkeit. Denn beim Schreibprozess, so erklärt sie, muss das Gehirn ein motorisches Programm abspulen, damit das Gehirn nicht mehr darüber nachdenken muss, ob und wie es die Buchstaben zusammensetzt. „Ein wenig verhält es sich wie beim Fahrradfahren“, verdeutlicht sie. „Wenn wir uns auf das Fahrrad schwingen, denken wir nicht mehr nach. Die motorischen Abläufe sind bekannt und wir können uns auf den Verkehr konzentrieren.“

Bei vielen Kindern ist – wie auch bei Jonas – oft schon die Frage nach der Schreibrichtung unklar. Ob von rechts nach links oder von links nach rechts geschrieben wird, wissen die meisten nicht. Darüber hinaus die Buchstaben zu einem Wort zu verbinden und dies so effizient wie möglich zu gestalten, sind mehrere Anforderungen, die Kinder erst einmal erlernen müssen.

„Schreiben sie mal das Wort „Knochen“, sagt Dr. Marianela Diaz Meyer. „Dann werden Sie sehen, dass sie als Erwachsener automatisch Buchstaben miteinander verbinden wie die Endsilbe „chen“ und manche Buchstaben einzeln auf das Papier schreiben wie das „K“ oder das „O“.“ Diesen Automatismus haben Kinder noch nicht.

Informationen besser abrufbar

Doch warum ist es so wichtig, per Hand zu schreiben bzw. es zu erlernen? Wissenschaftliche Forschungen untersuchten, welche Schüler sich etwas besser merken konnten. Die Hälfte durfte die Informationen über eine Tastatur eintippen, die andere Hälfte machte handschriftliche Notizen. Das Ergebnis war eindeutig. Teilnehmer, die ihre Notizen per Hand gemacht hatten, konnten viel besser die Informationen abrufen und zusammenfassend wiedergeben.

Die Forschung zeigt, dass das inhaltliche Verständnis erst über die Handschrift erlangt werden kann. Durch die motorische Bewegung werden Gehirnareale aktiviert, die für das Lernen in allen Bereichen zuständig sind: das Sprechen, das Lesen und das Verstehen. Diese Aktivierung des Gehirns lässt sich nur über die handschriftliche Motorik auslösen, weil das Verschriftlichen ein langsamerer Prozess ist als das Tippen über die Tastatur.

Neurowissenschaftler entdeckten sogar via Hirnscans, dass beim Tippen weniger Hirnaktivität stattfindet, denn beim Eintippen eines „A“ oder eines „S“ handelt es sich um die immer gleiche Bewegung. Hingegen beim Schreiben sind die Handbewegung und Motorik nicht immer dieselbe.

Es werden über 30 Muskeln und 15 Gelenke koordiniert.

Vor allem aber wird durch die Handschrift eine längere Aktivierung im Gehirn in zwölf verschiedenen Arealen ausgelöst, was zur Folge hat, dass man Informationen besser auffasst und länger abspeichern kann. Aber nicht nur die Motorik der Hand spielt beim Schreibprozess eine Rolle. Auch die Bewegung des gesamten Körpers fördert den manuellen Schreibprozess.

Fehlender Platz für Kreativität

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands für Bildung und Erziehung (VBE) ergänzt: „Viele Aktivitäten, die die Motorik fördern, konnten in den vergangenen beiden Jahren nicht stattfinden. Zudem fehlt zuhause oft der Platz, sich kreativ zu entfalten. Da wundert es nicht, dass während der Pandemie zuhause mehr Zeit vor Displays und Bildschirmen verbracht wurde.“ Und genau diese Bildschirmzeit wirkt sich negativ auf das Schreiben aus. Der Bewegungsmangel verhindert den Ausbau feinmotorischer Fähigkeiten. Dennoch ist Beckmann überzeugt: „Der Einsatz digitaler Medien wird für die Zukunft des Lernens immer wichtiger. Das hat die Pandemie gezeigt. Aber noch melden uns die Lehrkräfte zurück, dass die technischen Möglichkeiten die Vorteile von Stift und Papier beim Schreiben mit der Hand nicht ersetzen können.“ 

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Schreiben mit Tastatur

Dass man durch Handschrift etwas besser lernen oder sich vielmehr besser merken kann, findet Bildungsforscher Michael Becker-Mrotzek nicht. In einem Interview aus 2019 erklärt er, dass es für ihn nicht wissenschaftlich belegt ist, dass durch das Handschreiben bessere Lernerfolge erzielt werden. Gerade diejenigen, die per Hand nicht schnell schreiben können und sich darauf konzentrieren müssen, etwas zu schreiben, können keine Informationen aufnehmen oder verarbeiten. Ist ihnen aber die Möglichkeit gegeben, Texte per Computer zu erfassen, können auch langsam Schreibende einen Automatismus erlangen, der ihnen ermöglicht, sich vollkommen auf die Informationen, anstatt auf das Erfassen zu konzentrieren. Für ihn hat das Schreiben mit der Tastatur viele Vorteile, insbesondere im Hinblick auf die Digitalisierung. Wer früh lernt, mit dem Rechner umzugehen und Daten zu erfassen, hat es später im Berufsleben leichter.

Zusammenhänge knüpfen – Hindernisse aus dem Weg schaffen

Die Leistungen im Unterricht hängen oft mit dem Handschreiben zusammen. Dies bestätigt auch das Schreibmotorik Institut. Schreibstruktur und Schreibtempo sind nach Pandemiezeiten nicht mehr gut eingeübt. „Wer nicht flüssig und in einer gewissen Geschwindigkeit schreiben kann, kann dem Unterricht auch nicht mehr folgen und fällt in seinen Leistungen zurück“, so Dr. Marianela Diaz Meyer.

Auch Jonas Grundschullehrerin Sabine Lang findet, dass es Vorteile hat, wenn Kinder nicht per Hand schreiben. „Wenn die Kinder ihre Aufgaben per E-Mail gesendet haben, musste ich nicht stundenlang entziffern, was sie geschrieben haben“, so Lang.

„Es war für mich viel einfacher, die Arbeiten am Rechner zu lesen, den Gedanken der Kinder konnte ich besser folgen, anstatt darüber zu rätseln, was sie mit krakeliger Handschrift auf Papier schreiben. Jetzt haben wir wieder Unterricht und ich muss den Kindern in der Schule das Schreiben beibringen, was sie zwei Jahre verpasst haben. Manchmal bin ich mir unsicher, ob es den Kindern überhaupt guttut, wenn sie so verzweifelt mit Stift und Papier dasitzen und keine Erfolgserlebnisse haben. Ihren Gedanken können sie keinen freien Lauf mehr lassen, weil sie so hochkonzentriert sind, die Buchstaben miteinander zu verbinden. Oder den Stift richtig zu halten und überhaupt ein Schriftbild zu entwickeln. Die noch ungeübten und teilweise ungewohnten Schreibabläufe hindern ihre Kreativität.“

Kreativität fördern

Dr. Marianela Diaz Meyer vom Schreibmotorik Institut findet nicht, dass Kreativität durch Handschrift leidet. Im Gegenteil. „Es geht nicht um lange Briefe, die man verfassen sollte, sondern vielmehr um kleine Notizen im Alltag. Die unterschätzen wir, doch sie fördern unsere Kreativität. Genau diese kleinen Notizen sind es, die intuitiv gemacht werden und die oft nicht digital wiedergegeben werden können.“ Zudem wird ihrer Meinung nach der erste Schritt mit der Hand gemacht, erst im zweiten oder dritten Schritt benutzt man die Digitalisierung. Die Handschrift jedoch gehört zu den Grundkompetenzen für die weitere, berufliche Zukunft.

Genauso sieht es auch Johannes Schmitz, Digitalexperte und Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Sein Schreibtisch ist voller Zettel, alle beschrieben oder bemalt, mit Skizzen, Anmerkungen oder nur einem dicken Wort als Erinnerung. „Bis heute gibt es meiner Meinung nach keine Technik oder Applikation, die es ermöglicht, meine Gedanken so schnell zu übersetzen wie es meine Handschrift kann“, so Schmitz.

Digitale Tools

Teamarbeit wird in seinem Unternehmen großgeschrieben, die Mitarbeiter sind in Online-Teams vernetzt: Mit To-Do-Listen und Abläufen und digitalen Projektmanagement Programmen. Neue Technik findet sich überall im Unternehmen, aber auch Notizbücher mit Handgeschriebenem. „Oft nutze ich meine Notizen für erste Strategie-Ansätze. Durch das Kritzeln auf Papier kann ich meine Ideen und Ansätze besser sortieren. Viel wichtiger ist: oft entstehen während meiner handschriftlichen Notizen neue Inspirationen, die in Projekt-Programmen nicht entstehen würden. Zumal ich auch gern wieder etwas streiche, was mir als Idee kam oder auch spontan ändere. Das geht handschriftlich einfach schneller“, so Schmitz. Nicht alle seine Ideen finden den Weg ins Digitale, oft verwirft er sie oder kann seine eigene Handschrift kaum selbst lesen, weil die Gedanken oft schneller sind als die Hand, die den Stift führt.

Der richtige Rhythmus und die richtige Körperhaltung

Damit man eine gute Handschrift hat beziehungsweise ein gutes Schriftbild entstehen kann, benötigt man ein lockeres Handgelenk, Fingerkraft und einen guten Rhythmus. Wer schreibt, tut dies in einem bestimmten Tempo. Es ist eine Kombination aus automatisierten Abläufen, Feinmotorik und Körperspannung. „Kinder halten den Stift oft viel zu fest in ihrer Hand“, so Dr. Marianela Diaz Meyer. „Sie müssen lernen, etwas loszulassen. Dieses Loslassen und die gesamte Motorik auf das Schreiben einzustellen werden nicht nur im Deutschunterricht gelehrt.

Vor allem andere Fächern wie Sport oder Musik, aber auch Gestalten und Werkunterricht üben die Stifthaltung.“ Schreiben findet mit dem ganzen Körper statt: wie der Rumpf gebeut wird, wie die Fußstellung ist oder wie das Gewicht verlagert wird, so dass die Körperspannung in den Stift übergeht. Bewegung ist wichtig, um alle Muskeln für das Schreiben zu trainieren. Erst mit 15 Jahren findet die vollständige Automatisierung der Schrift statt. Davor brauchen Kinder und Jugendliche Unterstützung, wenn es darum geht, die gesamte Motorik auf das Schreiben einzustellen.

Kleine Notizen helfen

Der kleine Jonas ist seit Kurzem im Fußballverein. Seitdem er mehr Sport macht, haben sich seine Bewegungsabläufe verbessert. Und weil es im Unterricht zusätzlich ein paar Kritzel- Übungen gab, um die Stifthaltung zu verbessern, kann er seinen Füller seit einiger Zeit viel sicherer in der Hand halten. Seine Lehrerin hat ihm gezeigt, wie man Buchstaben verbindet und mittlerweile findet er großen Spaß am Schreiben. Für seinen Schulaufsatz hat er eine Fußballgeschichte per Hand geschrieben – mit Notizen aus seinem Fußball-Tagebuch, dass er seit Neuestem handschriftlich führt.

Die Handschrift sagt viel über uns aus

Dass sich Handgeschriebenes weiterhin gegenüber neuen Technologien behaupten wird, ist spätestens dann klar, wenn Unternehmer Schmitz sich von neuen Mitarbeitern im Bewerbungsgespräch Handschriftproben geben lässt. „Ich kann an der Handschrift ein wenig erkennen, welche Charakterzüge ein Mitarbeiter hat“, schmunzelt Schmitz. „Gerade in meiner Branche möchten sich viele verstellen und das Schriftbild hilft mir, zu erkennen, welche Persönlichkeit hinter dem Bewerber steckt. Und da ich selbst viel per Hand schreibe, möchte ich auch wissen, wie meine Mitarbeiter mit Stift und Papier umgehen.“

Auch wenn der kleine Jonas in der Schule lernt, wie ein „A“ geschrieben wird: die Handschrift verändert sich über die Jahre und vor allem nach Verlassen der Schule, wenn es nicht mehr darauf ankommt, „schön“ zu schreiben.

Buchstaben werden früher oder später von jedem Menschen unterschiedlich ausgeschrieben. Und ganz unrecht hat Unternehmer Schmitz nicht, wenn er sich Handschriftproben seiner Bewerber anguckt. Denn es gibt verschiedene Handschriftanalysen, aus denen man anhand von Druckstärke, Größe und Neigung der Buchstaben erkennen kann, wer der Verfasser eines Schriftstücks ist und welche Persönlichkeit dahintersteckt. Grafologie, die Wissenschaft zur Handschrift und Persönlichkeit, die sogar 1917 vom Psychologen Ludwig Klages in seinem Buch „Handschrift und Charakter“ festgehalten wurde. Wer in den 50er Jahren seinen Lebenslauf per Hand schrieb, konnte sicher gehen, dass die Entscheider die Handschrift prüften, um Charaktereigenschaften festzustellen.

Handschrift immer noch wichtig – auch im Arbeitsleben

Ganz so genau wie damals nimmt Schmitz es nicht. Aber er findet, dass die Handschrift bis heute ein wichtiger Teil im Arbeitsleben ist, die man beherrschen sollte. Und auch Dr. Marianela Diaz Meyer ist fest davon überzeugt, dass mit den nötigen Maßnahmen wie zum Beispiel Motorik-Workshops, Schreib- und Sportübungen die Handschrift auch zukünftig einen festen Teil im Schulalltag haben wird. „Es gibt nichts Vergleichbares, was Stift und Papier ersetzen könnte“, so Dr. Marianela Diaz Meyer. Und so wird die Handschrift weiterhin ein Teil des Alltags bleiben, damit die kognitiven Fähigkeiten des Gehirns, die Lernerfolge und vor allem die Postkarte an die Oma weiter Freude und Wertschätzung bereiten, die Digitales nicht ersetzen kann.

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